Forderungen für eine familiengerechte Kinderbetreuung in Berlin
Aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen verstärken die alltäglichen Belastungen vieler Familien. Insbesondere Alleinerziehende stoßen im Alltag häufig an ihre Grenzen. Eine verlässliche, bedarfsgerechte als auch flexible Kinderbetreuung ist dabei weit mehr als eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie sichert die wirtschaftliche Existenz, ermöglicht die Teilhabe am Erwerbsleben sowie an Bildung und Qualifizierung und schafft die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe, Chancengerechtigkeit und ein selbstbestimmtes Familienleben. Gleichzeitig ist sie ein wichtiger Baustein der Gesundheitsförderung und Prävention: Sie kann alleinerziehenden Eltern, Freiräume für Erholung, medizinische Versorgung, therapeutische Angebote, Sport und Bewegung sowie die Wahrnehmung psychosozialer Beratungs- und Unterstützungsangebote schaffen. Damit trägt sie wesentlich dazu bei, gesundheitliche Belastungen zu reduzieren, Einsamkeit vorzubeugen und die Gesundheit sowie das Wohlergehen von Familien nachhaltig zu stärken.
Mit dem Projekt Strukturstelle für berlinweiten ergänzende, flexible Kinderbetreuung setzt sich SHIA e. V. für den bedarfsgerechten Ausbau Kinderbetreuungsangebote in Berlin ein. Ziel des Projekts ist es, bestehende Versorgungslücken sichtbar zu machen, Fachakteur zu vernetzen und gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Praxis nachhaltige Lösungen für Familien, inbesondere Ein-Eltern-Familien zu entwickeln. Auf Grundlage unserer Beratungsarbeit, unserer fachlichen Expertise sowie der Erfahrungen von Alleinerziehenden haben wir zentrale politische Forderungen formuliert, die aus unserer Sicht notwendig sind, um Kinderbetreuung als Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge sowie der Gesundheitsförderung und Prävention nachhaltig zu stärken.
Unsere Forderungen 2026
- Die ergänzende Kindertagespflege stärken. Dieses Angebot der Kinderbetreuung in ermöglicht Familien – insbesondere alleinerziehenden Eltern – die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit, Aus- und Weiterbildung sowie weiteren notwendigen Verpflichtungen auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten von Kita und Hort. Die ergänzende Kindertagespflege ist ein unverzichtbarer Baustein in der Berliner Betreuungslandschaft. Um dieses Angebot nachhaltig zu sichern, braucht es verbessere Information und Beratung, niedrigschwellige und vereinfachte Zugänge durch eine unbürokratische Antragstellung sowie berlinweit standardisierte Verfahren. Gleichzeitig müssen mehr Betreuungspersonen für die ergänzende Kindertagespflege gewonnen und langfristig gebunden werden. Dafür ist eine auskömmliche Finanzierung und angemessene Vergütung sowie attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen für Kindertagespflegepersonen wünschenswert.
- Flexible Kinderbetreuungsangebote als Bestandteil der Gesundheitsförderung für Alleinerziehende in Berlin ausbauen. Im Rahmen der Gesundheitsziele Berlin 2023 sind Betreuungsstrukturen zu schaffen, die Alleinerziehenden ermöglichen, medizinische Behandlungen, Präventionsangebote und gesundheitsfördernde Maßnahmen wahrzunehmen. Das Angebot der Flexiblen Kinderbetreuung trägt erheblich dazu bei, gesundheitliche Belastungen von Alleinerziehenden zu reduzieren, ihre Gesundheitsressourcen zu stärken und ihre Vereinbarkeit von Familienalltag, Erwerbsarbeit und eigener Gesundheitsfürsorge zu verbessern. Sie ist damit ein wichtiger Baustein zur Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit und zur Verringerung sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten. Berlin muss flexible Kinderbetreuungsangebote daher als festen Bestandteil der Gesundheitsförderung ausbauen und berlinweit verfügbar machen.
- Förderung von angebotsintegrierter Kinderbetreuung. Kinderbetreuung sollte stärker in bestehende Angebote und Unterstützungsstrukturen integriert werden – beispielsweise in Beratungsstellen, Gesundheitsangeboten, Bildungs- und Freizeitangebote. Dadurch können Familien – insbesondere Einelternfamilien niedrigschwellig erreicht, Alleinerziehende bedarfsgerecht begleitet und Kinder besser in ihrer Entwicklung unterstützt werden.
- Ersatzbetreuung in Schließ- und Ferienzeiten sicherstellen. Die Schließzeiten von Kindertageseinrichtungen stellen Familien und insbesondere alleinerziehende Eltern regelmäßig vor große Herausforderungen. Es braucht verbindliche Konzepte für Ferienzeiten und Schließtage sowie wohnortnahe Notfallbetreuungsangebote, damit Eltern nicht vor unlösbare Betreuungssituationen in Ferienzeiten gestellt werden.
- Vereinbarkeit auch bei Terminen und Freizeitangeboten von Kindern gewährleisten. Alleinerziehende stehen häufig vor der Herausforderung, notwendige Therapien, Arzttermine, Fördermaßnahmen oder Vereinsaktivitäten ihrer Kinder mit ihrer Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Insbesondere Wege- und Begleitzeiten liegen oft innerhalb der regulären Arbeitszeit. Dies führt dazu, dass Kinder wichtige Förder- und Freizeitangebote nicht wahrnehmen können oder Eltern ihre Erwerbstätigkeit einschränken müssen. Es braucht deshalb verlässliche Unterstützungsangebote zur Begleitung von Kindern, um sowohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als auch die Bildungs-, Gesundheits- und Teilhabechancen der Kinder zu sichern.
- Kinderbetreuung für Eltern in Gewaltsituationen und anderen besonderen Lebenslagen sicherstellen. Eltern und Kinder in besonderen Belastungs- und Krisensituationen benötigen verlässliche und niedrigschwellige Unterstützung. Insbesondere für Frauen und Kinder in Frauenhäusern nach erlebter Gewalt sollte flexible und bedarfsgerechte Kinderbetreuung als Teil der Versorgungsstruktur mitgedacht werden. Eine solche Struktur ermöglicht es betroffenen Müttern, neben individueller Beratung, medizinischer Versorgung auch Qualifizierungsmaßnahmen, die Fortführung der Ausbildung oder Erwerbstätigkeit zu ermöglichen, während die Kinder sicher und bedarfsgerecht betreut werden.